Kunst, Denkbilder, Heiliges

Das Religion und Ästhetik zusammen gehören, daß Glaube der „Bilder“ bedarf, aber Kunst ihre eigene Logik und Autonomie besitzt, habe ich als Dozent einer Katholischen Akademie, im Gespräch mit Künstlern und Publikum erfahren. Bildverlust bei gleichzeitiger Überschwemmung mit Bildern ist bezeichnend für eine Mediengesellschaft, die das Bild in erster Linie als „Information“ und als „Momentaufnahme“ verbraucht. Jeder Ausstellungsmacher weiß, daß Bilder Botschaften transportieren, die sich nur bedingt verbalisieren lassen, weil Sehen seine Eigengesetzlichkeit hat. Deshalb präsentierte ich Künstler, deren Arbeiten ästhetisch Widerstand leisteten gegen die schnelle Vereinnahmung. Jedes gelungene Bild enthält, trotz aller Autonomie der Kunst, einen Sinn, der sich erst im Betrachter entfaltet; dieser Sinn ist pluriform und auf den ersten Blick hin nicht immer einsichtig, die Dimension der Zeit wirkt an der Deutung mit. Aus der Fähigkeit des Betrachters, das Zusammenspiel von Formgefüge und Sinn für sich selbst zu entdecken, ergibt sich das Leben der Bilder. Die Fähigkeit zur Aisthesis heißt im Griechischen „Wahrnehmung“ – ein so einfacher wie philosophisch fruchtbarer Begriff. Sinn ist weder an das Sujet noch an die Darstellungsweise gebunden. Es gibt ihn in Raffaels Sixtinischer Madonna ebenso wie in afrikanischen Tanzmasken, in Picassos Guernica wie in den völlig abstrakten Kreuzwegstationen von Barnett Newman. Sinn ist nicht indizienmäßig faßbar: er bedarf der Evidenz des Symbolischen, das sich auch mit dem Terminus „Denkbild“ übersetzen ließe. Jedes Denkbild zielt auf Erhellung, ja auf Offenbarung; deshalb gibt es Metaphern. Erhellung in reinster Form zeigt sich als „Epiphanie“, als Offenbarung des Heiligen. Doch Heiliges ist nur sinnvoll, wenn es Profanes gibt (worin es sich gerne verbirgt). Ästhetik wäre dann die Kunst der Unterscheidung: Beliebiges und Indifferentes duldet sie nicht. Insofern ist Heiliges, gemäß der griechisch-christlichen Tradition, das Aufscheinen einer absoluten Präsenz. Diese Erhellung – kein Machen, sondern Finden – ereignet sich einzig im Raum sinnlicher Wahrnehmung, also ästhetisch; und deshalb gibt es Kunst.


Ausstellungen in der Bischöflichen Akademie Aachen

Hanna Nitsch und H.D.Rauh: 2006
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